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JUNGE ANARCHISTEN

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Bringt Beltrlg* über alle Fragen der syndfkallstfadi-annrAlpftsdien Weltanschauung Kirapft gegen Kapitalismus and Staat In allen Ausdrucks formen

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Militarismus, Kirche, Staatsschule, gegen jede Autorität, wirtschaftliche und geistige Knechtschaft

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den konsequenten Antimilitarismus, Atheismus, Freiheit in Erziehung und Bildung; für eine frei-heitlich-sozialistische (anarchistische) Gesellschaft

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„lunge Anarchisten" erscheint monatlich einmal. Versand unter Streifband; Bezugspreis vierteljährlich M 0.50, jährlich M L80. Bei Mehrbestellungen Ermäßigung. Bestellungen an

Verlag »Junge Anarchisten"

Hans Strempel, Berlin O 27, Blankenfeldestr. 6

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PAUL ALBRECHT GESCHLECHTSNOT DER JUGEND

DIE BESONDERE STELLUNG DE« JUGEND IM KLASSENKAMPF GESCIILECIITLICIIE ENTWICKLUNG DER JUGEND TRAGÖDIEN DER JUGEND ONANIE UND VORZEITIGER GESCI ILECI ITS VERKEHR LOSUNG DER GESCHLECHTSNOT

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1926

VERLAG JUNGE ANARCHISTEN HANS STREMPEL RERLIN 0 27

l KAPITEL

II. KAPITEL

III. KAPITEL

IV. KAPrfEL

V. KAPITEL

GESCHLECHTSNOT DER JUGEND

I. KAPITEL

DIE BESONDERE STELLUNG DER JUGEND IM KLASSENKAMPF

Wenn der „blanke Hans", der peitschende Nordwestwind, vom Meere kommend die kleinen Fischerhütten der Friesen umtobt und klatschende Regenschauer gegen die kleinen Fenster wirft, dann kann der einsame Wanderer, der in einer solchen Ilütte gastfreundliche Aufnahme vor Wind und Wetter fand, oft eine alte Sage hören, die von Mund zu Mund weitergetragen wird.

An solchen Sturmestagen, wenn das Meer bis in seine tiefsten Tiefen aufgewühlt wird, erheben sich die Seelen derer, die nie heimgefunden, die im Meer versunken sind und irren umher, heimatsuchend! - -

Die heutige Jugend gleicht in der Gesellschaft jenen irrenden Seelen, die Ruhe und Heimat suchen. Diese Unrast hat die verschiedensten Ursachen. Durch ein eigenartiges Geschick ist sie in eine Zeit geboren, die schwanger geht mit Ereignissen größten Stils. Die inneren Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft wurden durch die imperialistische Kriegs welle mit Macht gefördert und erheischen gebieterisch Lösung. Die Klassenkämpfe treten in ein Stadium ungeheuerlichster Scharfe. Mit Macht versucht das Proletariat die wirtschaftlichen Fesseln abzuwerfen und eine Gesellschaft mit bestimmter, wohlorganisierter Gemeinwirtschaft einzuführen. Die Folgen des Krieges wirken sich aber gleichzeitig aus und verhindern gar oft aktive Geschlossenheit aller an der Freiheit interessierten Glieder der proletarischen Klasse.

Das Ideal der kommunistischen Wirtschaft setzt den Willen zur Gemeinschaft und gegenseitigen Unterstützung voraus. Die heutige Generation zerfleischt sich aber im erbarmungslosen Kampf auf Leben und Tod, der nicht nur ein Kampf der durch die widerstrebenden Interessen getrennten Klassen ist, sondern genau so scharf innerhalb der eigenen Klasse unter den eigenen Ktassenan-gehörigen tobt. Vor allem das Proletariat wütet gegen sich selber! .

Die kapitalistischen Nutznießer triumphieren! Schritt für Schritt .schreiten sie vorwärts. Bollwerk auf Bollwerk errichten sie, um ihre Herrschaft bis in alle Ewigkeit hinein zu befestigen und alle Versuche des Proletariats, dem ersehnten Freiheitsideal näherzukommen, scheitern an der eigenen inneren Zerrissenheit.

Aus diesem Dilemma führt das Proletariat nur ein Weg: der E i n z e 1 11 e muß sich zur Erkenntnis des notwendigen Kampfes für eine andere Gesellschaft emporarbeiten, muß sich lösen vom althergebrachten Herdendenkcn und so zum Anfang einer neuen Zeit sein Scherflein beitragen.

Die Herrschaft von Menschen über Menschen ist ein Übel, welches „f o r t z e u g e n d B ö s e s m uß gebäre n* Mögen die einzelnen Träger der Macht aueh den ehrlichen Willen in sich tragen, dieselbe im reinen Interesse der Beherrschten zur Anwendung bringen zu wollen, im Leben wird es immer so sein, daß Machthaber zum Schaden der andern ihre Herrschalt zur Anwendung bringen. Dies ist die Ursache der Zerrissenheit der Arbeiterschaft, aus ihr ergibt sich Hass gegen die Führer, Kampf gegen dieselben, Kampf gegen die, welche noch hinter ihnen stehen und damit Kampf gegen die eigene Klasse.

Der ganze Führergedanke ist ein Übel! Man kann ja gar nicht einen andern Menschen glücklich machen — denn Glück — was ist denn Glück? „Glück ist, was jeder sich als Glück gedacht!" antwortet der Dichter Ilaini. Wieweit aber das Denken der Menschen unterschiedlich ist und wieweit die Glücks begriffe aus-einandcrfallen, sieht jeder, der seine Sinne offen und ernsthaft gebraucht

Eine eigene Persönlichkeit zu werden, lautet darum die erste Forderung, die erfüllt sein muß, ehe die künftige Gemein Wirtschaft Tat werden kann! „Auf des Einzelnen unerschüttcrtes Sclbstvcr-irau'n, da gilt es die neue Erde zu bau'n!"

Dieses Streben nach Figenpersünlichkeit. welches allein den inneren Wert des Menschen hebt und ihn wieder zu sich selbst und damit zur Gemeinschaft führt, darf aber nicht mit dem verwechselt werden, was sich heute als ..Individualismus" ausbreitet. Nach einer bestimmten Ubersättigung auf einem Gebiete, noch dazu, wenn dieselbe äußeren Zwangsgcset/.en folgte, tritt oft ein vollkommener Umschlag in das Gegenteil des Genossenen ein. Der Krieg und seine militaristischen Begleiterscheinungen sind hierfür ein sprechendes Beispiel. Der Militärapparat kannte keine Persönlichkeiten in den unteren Schichten; er kannte nur Soldaten — Nummern!

Die militärischen Gofechtsvcrbände rückten nicht mit Menschen in die Kcuerlinic, sondern mit einer bestimmten Anzahl „Gewehre".

Das Persönlichkeitsbewußtsein im einzelnen Menschen erwachte darum mit ganz besonderer Stärke, und die Folgeerscheinung war die individualistische Welle, die nach dem Kriege Deutschland überflutete. Daraus entstand eine bedeutende Gefahr für alle Restrehungen, die darauf hinausliefen, die Gesellschaft in ihrer inneren Strul Ictur sowohl wie in ihren geistig-kulturellen Lebensäußerungen grundlegend zu verändern. Weil eine bestimmte Form der Gesellschaft das Individuum zur Null stempelte, wandte sich die Verneinung vieler Menschen gegen die Gesellschaft schlechthin als Ganzes.

Jede Ansicht, die ins Extrem verfällt, schadct sich aber nur selber. Wenn getrost eine bestimmte Wahrheit in ihr Form annimmt. wird sie doch real zur Unwahrheit. Die Gastspielrolle de« abstrakten, von der Gesellschaft losgelösten Individualismus war darum nur eine kurze. Sein Versagen darf aber nicht dazu verleiten, die Schäden der schematischen Gleichmacherei durch die Herrschaft einzelner Menschen als notwendiges übel hinzunehmen, sondern müßte für jeden wollenden und ringenden Menschen nur Ansporn zum tieferen Nachdenken sein. Jener Mensch ist anders wie der andere veranlagt und tritt darum den Geschehnissen der Zeit unter anderen Voraussetzungen entgegen. Gerade diese Verschiedenheit ist die Ursache, warum wir die Freiheit der Persönlichkeit fordern. Diese ist aber auch nur die wahre Gleichheit, denn jede aridere, die alle Menschen mit dem gleichen Schema mißt, zeugt Ungleichheit und Vergewaltigung!

Der Kampf für eine Gesellschaft, die es jedem ermöglicht, seiner besonderen Veranlagung gemäß zu leben, muß darum von jeder Person geführt: werden, welche die harmonische Verbindung eines natürlichen und fruchtbaren Individualismus und einer sichernden und behütenden Gesellschaft erstrebt. Dieses Ziel erstreben aber wohl alle Sozialisten, in welchem Lager sie auch stehen, und der größte Irrtum der meisten ist nur darin zu sehen, daß sie glauben, eine Macht von oben müßte dem einzelnen seine individuelle Tätigkeit vorschreiben, damit die Gesellschaft als solche nicht von ihm gefährdet wird. Da nun die meisten Sozialisten noch glauben, ausgerechnet in ihrer Ansicht und deren Verwirklichung läge der Angelpunkt alles Neuwerdens, und systematisch diese Ansicht den andersdenkenden Menschen aufzwingen wollen, vielleicht £ar mit Hilfe der Machtinstitutionen des Staates, wird ihre Tätigkeit keine Arbeit für den Fortschritt und die Freiheit, sondern für die Reaktion und die Sklaverei. Eine Sache mag noch so gut sein, wenn sie mit Gewalt durchgeführt wird, wird sie schlecht. Wir verweisen dabei nur auf den Kampf, den weite Kreise der Jugend vor allem

egen den Alkohol führen. Jeder vernünftige Mensch ist sich arüher klar, daß die Schäden des Alkohols so große sind, daß eine Beseitigung dieses Rauschgiftes eine Forderung der Not ist. Konnte aber ein gesetzliches Verbot die Seuche des Alkoholismus aus der Welt schaffen? Vielleicht! Aber was wäre gewonnen? Die Schäden, die ein zwangsweises Vorenthalten einer bestimmten Sache nach sich zieht, sind ebenso verderblich wie die, welche man verhindern wollte.

Ein Gesetz versagt immer: denn es kämjpft gegen Erscheinungen, die doch nur Wirkungen sind und berührt die wirklichen Ursachen, die eigenthchen Quell e 11, nicht. Wer einer Sache zum Siege verhelfen will, muß sich darum an den einzelnen Menschen wenden, urn ihn für dieselbe zu gewinnen. Wer aber wiederum einer Sache recht dienen will, der muß sich selber gefunden haben, der muß in der Lage sein, sich eine eigene Ansicht zu bilden, auf eigenen Füßen zu stehen und mit eigenen Augen zu schauen. Wieder sind wir bei der Eigcnpersönliuikeit angelangt, welche die notwendige Voraussetzung einer jeden Verbesserung ist. Weil aber so wenig Eigenpersönlichkeiten vorhanden sind, wütet das Proletariat gegeneinander - im Interesse all derjenigen, die nach Macht streben, mögen sie jenseits der Barrikade oder in der eigenen Klasse stehen.

Dieses cigenpersönlichc Streben, dieser Freiheitstrieb ist aber nicht gleichbedeutend mit Willkür und Zügellosigkeit. Im Gegenteil ist dieser Freiheilsbegriff Gebundenheit in Verantwortlichkeit! Nur ist diese Gebundenheit nicht etwas von Fremden Auferlegtes, sondern eigene Erkenntnis. Damit wird auch diese Gebundenheit zur Freiheit.

Der Freiheitskampf des Proletariats ist darum ein Zweifrontenkrieg ! Einmal gilt es für die eigene Erkenntnis und zum anderen Male gegen die Herrscher in jeder Gestalt zu kämpfen!

Der Kampf der Jugend aber ist gar ein Dreifrontenkrieg! Bei ihr kommt hinzu, daß sie gleichzeitig noch ihre eigene Gestalt bilden und aufbauen muß. Geheimnisvolle Stürme durchtoben die junge Brust. Fremde Triebe und Empfindungen erschüttern den Körper des jungen Arbeiters und der jungen Arbeiterin. Dunkel ahnen sie die Wahrheit des Wortes, welches auf dem Banner der bürgerlichen Jugendbewegung steht: „Jugend ist Selbstzweck!'1 Wahrheit birgt dieses Wort, aber dem Arbeuterjungvolk kann die Jugend nicht Selbstzweck sein, denn der Moloch Kapitalismus läßt keine Zeit zur Erfülluno; der ursprünglichen Jugendmission. Mit gierigen Griffen packt er die heranwachsende Generation, zwingt sie zur Abwehr, zum Klassenkampf!

Moloch Kapital! Unersättlicher Menschenfresser!

Genügen dir die Opfer der gereiften Männer und Frauen nicht?! Was tat dir die lachende, sorglose Jugend, deren keimendes Sein deine rauhe Eisenfaust zerdrückt?! Fürchtest du die Kinder, die da Männer werden wollen und gebärende Frauen? Zerstörst du sie deshalb in der Blüte des ersten Erwachens — — ??!

Wahrlich, du fürchtest mit Recht!

Die Jugend, noch ruhend im tiefen Schlaf, wird durch dich selber geweckt! Sie reiht sich ein in das große Heer der Arbeit und führt den Kampf gegen dich, als System wirtschaftlicher Ausbeutung, gegen den Herrschaftsgedankren, welcher die Quelle der Unterjochung ist und gegen die Triebgefahren des eigenen Körpers!

IL KAPITEL

DIE GESCHLECHTLICHE ENTWICKLUNG DER JUGEND

Auf keinem Gebiete läuft der Jugendliche so viel Gefahr wie auf dem Gebiete der Sexualität. Iiier gilt es für ihn, klar und sicher zu schreiten und reif zu werden, ohne an I^eib und Seele Schaden zu nehmen. Wege muß er finden, die ihn emporführen aus den Niederungen des triebhaften Geschehens auf die Höhen bewußter Lcbcnsgestaltung. Leere Moralpauken helfen dabei gar nichts. Fr muß seine Lage erkennen, muß sich seiner organischen Beschaffenheit bewußt werden, ein Ideal vor Augen halten und dann das Wesen seiner Persönlichkeit in eigener Arbeit bilden.

Es gab einst eine Zeit, in der man annahm, daß die Geschlechtlichkeit der Jugend erst mit der Geschlechtsreife (der Pubertät) ihren Anfang nehme. Eine sexuelle Frage gab es also danach nur für die Jugendlichen von 12-15 Jahren. Vordem glaubte man den Menscnen von jeglicher geschlechtlicher Betonung frei- Heute wissen wir, daß dies ein Irrtum ist, der furchtbare Kindertragödien nach sieh zog. Das Kind ist genau ein solches Gcschlechtswescn wie der erwachsene Mensch, wenn auch seine Geschlechtlichkeit wesentlich anders bewertet und auch verstanden werden muß.

Bahnbrechend wirkte vor allem der Wiener Forscher Sigmund Freud für die Annahme des gcsschlechtsbcront.cn Kindes. In seiner Psychoanalyse, seinen „Sexualtheorien", wie er sie selber schlicht nennt, unterschied er scharf bestimmte Entwicklungsstufen, die jedes Kind durchläuft. Er unterschied deren drei. Selbst im Säugling soll schon die sexuelle Lust (das Libido, wie es Freud nennt) anregend und fördernd wirken. Der Säugling saugt nicht nur an der Mutterbrust, weil er Hungerempfindungen verspürt, sondern weil ihm dieses Saugen Lust bereitet. Er verschafft sich diese Lust auch dann, wenn er keinen Hunger hat, und „lutscht* am Daumen. Dadurch befriedigt er seine Lust, und jede Lustbefriedigung ist eine Entspannung. Diese Entspannung wirkt sich auch folgerichtig aus: der Säugling schläft ein! Bestätigt wird die Annahme vom geschlechtlich betonten Säugling auch noch durch die verbreitete Säuelingsonanie. Wir haben viele Beispiele dafür, daß die Säuglinge durch Spielen mit den Händen am Geschlechtsteil Erektionen hervorriefen, wie wir auch weiterhin wissen, daß sie durch Strampeln Reibungen durch die Windeln absichtlich und unabsichtlich herbeiführen. Trotzalledem ist es aber nicht angebracht, so glauben wir, so klar und bestimmt von der Geschlechtlichkeit des Säuglings zu sprechen; denn der Geschlechtstrieb ist mehr als eine Erregung abgegrenzter Körperteile. Daß diese Luatbefriediffung des Säuglings die Vorstufe der späteren Sexualität darstellt, wenn durch die körperliche Reife die den Geschlechtstrieb wachrufenden Stoffe im Geschlechtsorganismus gebildet werden, ist sicher anzunehmen.

Nach der Säuglingsperiode können wir beim Kinde wenig wahrnehmen,was alsgescnlechtlich betont angesehen werden könnte. In der Zeit vom dritten bis zehnten Jahre treten zuviel neue Geschehnisse in den Gesichtskreis und in dieEmpfindungswclt des Kindes. Jeder Schritt in die Stube, auf die Straße, auf den Hof bringt neue Ereignisse und Bildnisse, die aufgenommen und verarbeitet werden müssen-es bleibt kein Raum für peschlechtsbetonte Lust. Trotzdem ist der noch kindlich unentwickelte Geschlechtsorganismus erregungsfähig, und wir werden im 4. Kapitel noch kurz auf die Gefahren dieser Jahre einzugehen haben.

Unbewußt, spielend kommen sich gleichzeitig die Geschlechter näher, ohne sich der Tragweite ihrer Handlungen bewußt zu werden. Mit dem zehnten Jahre etwa tritt eine gewisse Abkehr von den bisherigen SpieJmethodeo ein. Die Geschlechter trennen sich im Spiel, weil die geschlechtliche Entwicklung in ein bestimmtes Stadium eintritt Im Organismus sind die ersten schüchternen Anfänge einer radikalen Änderung bemerkbar. Die Jungen ziehen sich von den Mädchen zurück und konzentrieren ihre Spiele mehr auf das typisch Jungenhafte. Gestalten aus den gelesenen Schmökern, die durch Kraft und Kühnheit Bewunderung erregten, werden lebendig und durch die Phantasie Wirklichkeit. Im Spiel erlebt mau die Taten Old Wawerlp und Old Shatxerhands. und um das Haupt des Stärksten oder Kühnsten windet man den unsichtbaren

Kranz des angebeteten Helden. Dabei sind sich die Jungen ihrer Handlungsweise nicht bewußt. Sie bandeln triebgemäß — ihre eschlechtliche Betonung gilt dein gleichen Geschlecht Auf das lädel schaut man geringschätzig! Ein Mädel zu heißen, ist Beschimpfung!

Die Mädels durchlaufen eine ähnliche Entwicklung. Freilich konzentriert sich ihr Anlehnungsbedürfnis im Spiel auf das typisch Frauenhafte. Mit Vorliebe kommen sie bei Freundinnen zusammen, um gemeinsam zu singen, zu arbeiten oder zu sprechen. Dabei drängen sich die Korper aneinander, und das Innerste des Gefühlslebens offenbart man der geliebten Freundin. Sobald aber die Geschlechtsreife eingetreten ist, verwandelt sich das Mädchen sowohl wie der Junge.

Der Junge tritt mit seinem harten Spiel und eigenpersönlichen Wollen aus dem Kreise der Freunde. Mehr und mehr erhebt er sich über die Gemeinschaft durch das ausgesprochene Betonen des eigenen Ichs. Sein eigenes Leben dünkt ihm so überaus wichtig, er spricht viel von sich, er denkt viel an sich, er schreibt viel von sich.

Dasselbe tut das Mädel, nur fallen <liese Perioden nicht in die gleichen Jahre. Die Entwicklung hält auch dann späterhin nicht gleichen Schritt.

Der Junge durchläuft die Periode des ausgesprochenen, extrem lustbetonten eigenen Ichs schnell und unter oft starken inneren Konflikten. Er konzentriert sein geschlechtliches Empfindungsvermögen auf das andere Geschlecht, um doch immer noch von Zeit zu Zeit in die gleichbetonte Periode kurz vor der Geschlechtsreife zurückzuvcrfallen.

Das Mädchen dagegen durchläuft die gleiche Periode langsamer, wenngleich bei ihr die Festlegung auf das eigene Ich nicht so tiefgehend wie beim Jungen ist. Sie verbleibt im Kreise der Freundinnen, verdirbt es mit ihnen nur ununterbrochen, sucht und findet neue Freundinnen, um sie dann bald wieder zu verlieren, ohne den wahren Grund zu finden, der eben im zu stark betonten eigenen Selbst liegt.

Das Mädchen kommt dann auch mit ganz anderen Voraussetzungen und Erwartungen zum anderen Geschlecht. Sie ist durch die sogenannte Frigidität (Anfangskühle) vor vorzeitiger körperlicher Verbindung geschützt. Das Gcschlechtseinpfinden des Jungen dagegen ist von der Reife an körperlich betont auf das weibliche Geschlecht gerichtet. Keineswegs legt sich der Junge dabei auf ein bestimmtes Mädchen fest, sondern immer nur auf das Mädchen als Gattungswesen, Selbstverständlich leidet darunter die Tiefe und Leidenschaftlichkeit des Liebesempfindens nicht. Das Mädchen, welches sich nach der Pubertät gleichfalls zum anderen Geschlecht hingezogen fühlt, erwartet vorn Jungen keine körperliche Erfüllung, sondern sehnt sich in erster Linie nach einem Wesen, an das es sich anlehnen kann. Da dieses Anlehnungsbedürfnis aber geschlechtlich betont ist, ist es verbunden mit einer Sehnsucht nach Liebkosungen, Umarmungen und Küssen. Mehr aber sucht das Mädchen im Gegensatz zum Jungen nicht. Hier ist eine Ursache vieler Konflikte der Jugend von 14—17 Jahren zu suchen.

Nach und nach formt sich dann bei beiden Geschlechtern der sexuelle Trieb in der Weise, daß er seine tiefste Auslösung erst dann findet, wenn eine seelische und körperliche Vereinigung stattgefunden hat.

Die sexuelle Entwicklung der Jungen sowohl wie der Mädchen hat ihre Ursachen in der körperlichen Entwicklung beider Geschlechter.

Bis zum zehnten Lebensjahre unterscheiden sich die beiden Geschlechter gar nicht voneinander. Einern Säugling kann man nicht ansehen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, wenn man nicht seinen Geschlechtsorgamsmus zu Rate zieht. Auch in den folgenden Lebensjahren weichen Bub und Mädchen nicht voneinander ab. Ihre Körper sind deich zart, ihre Gesichter gleich rund und die Züge weich, die Stimme fast gleich hoch. Ungefähr mit dem zehnten Jahre verändert sich langsam der Körper. Dieser Um-Wandlungsprozeß geht bei manchcn Menschen früher, bei anderen später vor sich, aber die Merkmale sind bei allen dieselben. Das Glied des Jungen wird größer, es wird oft hart und steif (es erektiert), die ersten Scharrihaare bilden sich, in der Nacht hat er die ersten Samenergüsse. Gleichzeitig bekommt die Stimme einen anderen Tonfall, der Stimmwechsel tritt ein. Das Mädchen dagegen kann an sich ein langsames Anschwellen der kleinen Brüste, eigenartige Verstimmungszustände, die ersten Schamhaare und dann die erste Blutung beobachten. Mit der Blutung und dem ersten Samenerguß ist die körperliche Reife keineswegs schon vollendet. Es vergeht noch eine ganze Reihe von Jahren, bis das Geschlechts-wesen ganz ausgebildet ist.

Die Zeit, die nun folgt, ist die Zeit der härtesten Konflikte für jeden Menschen - eine Zeit, in der so mancher für sein ganzes lieben Schaden nimmt.

Wehe dem- der sich in dieser Zeit allein befindet, die Einsamkeit ist für ihn das verderblichste, was es gibt.

Liebe und Verständnis benötigt der junge Mensch in dieser Konfiiktsepoche, und wer Härte und Nicht verstehen ertragen muß, vergrößert das Heer derjenigen, deren Leben zur Tragödie wirdl

III. KAPITEL

TRAGÖDIEN DER JUGEND

Nachdem schon lange Jahre vor dem Kriege der Wandervogel weite Kreise der bürgerlichen Jugend in seinen Bann gezogen hatte, fand kurz nach Beendigung des Krieges der Wandervogel-Gedanke ungeheure Verbreitung. Gleichfalls weite Verbreitung landen die Tanzfeste der älteren Generation. Die Tageszeitungen brachten seitenlange Ankündigungen von Tanzkränzchen, Kirmsen und ähnlichen Veranstaltungen. Zweifellos lag hier eine Verdrängungserscheinung vor.

Während des Krieges war der Tanz untersagt, die normale Geschlechtsbetätigung war gleichfalls erschwert, und es mussten gewisse Störungen des Nervensystems eintreten, die in die Grenzgebiete der Hysterie und in diese selbst hinübcrlcitctcn. Der Tanz ist aber nun ohne Zweifel erotischen (geschlechtlichen) Ursprungs, und in den Tänzern wirkt sich ein bestimmter Reiz geschlechtlicher Spannung aus. Damit kommen wir dem Verständnis der Tanzepidemie nach Ende des Krieges wesentlich näher. Sie war das Ventil, durch welches sich (las jahrelang unterdrückte Geschlechtsempfinden der Menschen einen Weg ins Freie suchte.

Auch die Wandervogelbewegung, wie der ganze Wandertrieb, ist nur dann restlos zu verstehen, wenn man die geschlechtlichen Triebkräfte der Jugend ins Auge faßt. Selbstverständlich waren diese nicht ausschließlich am werke, sondern neben ihnen wirkten noch unzählige andere mit. So führte auch der Trieb, neue Eindrücke zu erleben, sowie die Ablehnung der auf falsche Gleise gedrängten Kulturentwicklung, die der Ausdruck der seelenlosen Industrie ist, die Jugend in die Wälder und auf die Berge. Hier in der berauschenden Einsamkeit, in der Weite, hier fand die Phantasie Anregung und Genuß. Fernab der seichten Oberflächlichkeit und blendenden Lüge fand man endlich wieder

Freiheit, N a t ü r 1 i c h k e i t und Reinheit.

Im unbewußten Seelenleben aber wirkte die Gcschlechtlichkeit. Nicht umsonst verglichen wir am Anfang dieser Studie die Jugend mit den irrenden Seelen. Die unbefriedigte Geschlechtssehnsucht ist wie nichts anderes mit dem Wandertrieb verbunden. Man muß auf der Landstraße gelegen, muß unter Landstreichern geschlafen und mit der Wandervogelhorde nachts in der verfallenen Ruine gesessen haben, um diese Wahrheit erkennen zu können.

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In tausenderlei Gestalt, in unzähligen Erzählungen, Bildern und Symbolen drängt sich die Sehnsucht nach Geschlechtserfüllung ans Licht. Rastlos und ruhelos durchziehen die Menschen die Gaue, und sie wissen nicht, was sie treibt Kommt aber dann eine Stunde der Ilückerinnerung, dann quellen die Worte hervor, und jedes ihrer Worte ist eine Anklage gegen sich selber und das geheimnisvolle Etwas in der eigenen Brust und gegen die Gesellschaft.

In einer Herberge in Sachsen, nahe der tschechischen Grenze, lernte ich als Kunde einen alten, graubärtigen Landstreicher kennen, einen „duften Kunden", der mir einiges aus seiner Jugend erzählte. Er hatte mich mit einem Mädel wandern sehen, welches seine Sexualempfindungen reizte, und versuchte nun mit Absicht die Hede auf dieses Gebiet zu bringen, welches er recht kotig behandelte. Als er aber auf seine Jugend zu sprechen kam, wurde er weich, sentimental. Die Klippe der Geschlechtlichkeit war ihm verderblich fürs ganze Leben geworden. Mit zehn Jahren spielte er einmal mit einem Freunde und einer Freundin im väterlichen Hause auf dem Wäscheboden. Anfangs waren es nur kindlich harmlose Spiele, dann aber nötigte der Freund das Mädchen, sich ihm hinzugeben. Er hatte seine siebzehnjährige Schwester belauscht, als sie geschlechtlich mit ihrem Freunde verkehrte, und ahmte das Geschaute nun nach. Das Mädchen wehrte sich, und beide Jungen zwangen es zur Ruhe. Von der Zeit an kam er öfter mit dem Mädcnen zusammen, da es moralisch gebunden war. Nach einem halben Jahr überraschte die Mutter des Mädchens beide bei diesem „Spiel". Es kam zu einem Skandal. In der Schule und auf der Straße wurde er geächtet, ohne sich selber einer Schuld bewußt zu sein. Die harten Eltern vor allein vergaßen ihm diese „Schande" nicht und behandelten ihn mit unmenschlicher Härte. Er durfte keinen Schritt mehr ohne Aufsicht aus dem Hause gehen. Selbst als er die Schule verlassen hatte, mußte er stets bei den Eltern die Sonntage verbringen. Mit achtzehn Jahren riß er aus und ging auf die Landstraße.

In einer Fenne, zu einer Zeit-, in der es ihm sehr schlecht ging, fand er Leidensgenossen. Ein Einbruch wurde verabredet und von ihm unter Widerstreben mit ausgeführt. Wenige Tage später saß er im Gefängnis. Von da ab ging es schnell zu Tal. Nach seiner Freilassung wurde er Zuhälter, kam ins Zuchthaus, wurde noch mehr verdorben und ging für immer auf die Landstraße.

Die kleine Ursache des für das Kind unbedeutenden Spieles zeitigte durch den Unverstand der Eltern solch verderbliche Wirkungen, Als ich fragte, warum er nicht an irgend einem Ort versuche, Fuß zu fassen, um ein neues Leben zu beginnen, sagte er, dies wäre unmöglich. „Es geht einfach nicht, etwas jagt mich wieder fort!" — „Die Leute etwa?" „Nein, etwas in mir! Das drangt und stößt, bis ich wandre. Genau so drängt es mich, wenn ich ein schönes Weib sehe." „Hast du Sehnsucht nach dem Weib?*1 Er faßte meinen Oberarm, und sein Griff war hart und schmerzend. Dann sagte er kurz: ,.Es gibt Zeiten, wo ich wahnsinnig werden könnte!" Nach einer Weile lachte er: „Meine Hand ersetzt zwar den Unterleib einer Frau, aber — — — —a.

Ich wandte mich ab. Ein Frösteln kroch mir über den Rücken.

Unter der Jugend auf der Landstraße kann man die geschlechtliche Triebsehnsucht noch stärker beobachten. Aus der Fülle des

~ .el anfuhren, weil es auch

iren zu Ende? Dir. Reichswehr räumte den letzten Stutzpunkt, die Fliegerwerft, und zog sich auf Erfurt und I Langensalza zurück. Für uns hewaffnete Arbeiter braoien hose Tage herein. Viele Genossen waren an unserer Seite den Freiheitstod gestorben; so mancher lag »lohnend in den Lazaretten, und — der Sieg hatte dennoch nicht unser Stürmen, Kämpfen und Leiden gekrönt, örtlich waren die roten Banner siegreich, doch in den größeren Städten ballte sich das Ungewitter des weißen Schreckens zusammen. Unsere Schar wurde ein verlorener Haufe, eine Todes-sehar! Unermüdlich rollten Autos mit trotzig blickenden Mannern aus dem Hauptstüupunkt der Arbeiter, aus Ohrdruff, ins umliegende Land, um die Dörfer zu entwaffnen und die Bewegungen der weißen Formationen zu stören. Noch einmal schien sich dann die I^.itung der Arbc.iterarmec aufzuraffen zu einem größeren Schlag. In dunkler Nacht rollten neun I^oiterwagen aus Ohrdruff. Kopf an Kopf gedrängt standen darauf bewaffnete Arbeiter — still! Stundenlang gingV durch den Thüringer Wald in Richtung Ruhla. Auf dem I^eitcrwagen war es ungemütlich; das Rattern ging durch und durch, und mit umgehängter Waffe

aus Erfurt?* - „Ja, und Du?* - „Ich? Nirgends herl* Ich horchte auf. „Nirgends her?44 Jetzt erkannte ich den Sprecher. Im Gefecht stand ich neben ihm, und seine untersetzte, derbe Gestalt mit dem massigen Kopf, den eigenartigen Gesichtszügen, die I^eid, Liebe und Haß offenbarten, war mir aufgefallen. „Nirgends herf* Ach, frag' nicht! Sag' an, glaubst auch Du, was der Armeeführer L. gestern sagte, als er uns anfeuerte, geccn die Bourgeoisie zu kämpfen mit dem Bewußtsein, daß wir Kampfer der Menschheit, der Liebe seien? Der Liebe! Hahaha: LiebeI* Ich blickte, ihn bestürzt an, seine Worte kamen gepreßt, verbissen aus seinem Munde, quälend rang er jetzt nach Luft. Gerade rollte unser Wagen einen Berc hinab, und ich sprang zur Bremse, um sie anzuziehen. Als ich zurückkam, kletterte der eigenartige Fremde auf den Wagen, und da dieser derb anrollte, tat ich das gleiche. Kurz Zeit blickte ich sinnend in die Nacht.

Plötzlich ertönte die Stimme des Fremden wieder: ^Sage glaubst Du an die Liebe? - Wie? Ich nicht! Ich kann es nicht, wenn ich auch wollte. Als ich ein kleines Kind war, mußte ich das erste Mal zusehen, wie Männer in bunten Röcken meinen Vater unter dem Bett vorzogen und mit wegführten, trotzdem er schrie und tobte und die Mutter weinte. - Mußte den Hohn und die Verachtung meiner Schulkameraden tragen, weil ich der Sohn eines Spinnhäuslers sei, der

Sohn eines Verbrechers! Und als ich dann hungernd einem Kameraden da* Frühstuckbrot stahl und aß ... . Furchtbar hat mich der Lehrer geschlagen, und als ich wie ein Hund winselnd am Boden lag, um den entsetzlichen Schlagen zu entgehen, tonte die Stimme Lehrers an mein Ohr: „Glaube mir, liebe zu Dir zwingt mich, Dich zu züchtigen

Unter Tränenströmen schaute ich in des Peinigers« Gedicht und sah eine teuflisch lächelnde Fratze, während der Mund Liebesworte sprach.

O diese Liebe! Diese Liebe der Menschen, ich lernte sie bis zur Neige kennen. Eine Erziehungsanstalt nahm mich mit zwölf Jahren auf. Wieder tonten die Wurfe der liebe an mein Ohr, während man ausgesuchte Grausamkeiten an mir und den andern Zöglingen verübte. Nun fiel die lerne Binde von meinen Augen, und ich erkannte klar: hinter den Worten der Liebe verbarg man die eigene Bestialität. Liebe ist Lüge! Lügel Es gibt nur Betruger und Betrogene allüberall dorr, wo Menschen mit cer v,Liebe* auf dem Markte umherlaufen. Wehe denen, die jetzt vor die Mündung meiner Knarre kommen! Ich rede nicht von Liebe, ich kämpfe nicht für Liebe: ich kämpfe für meine getretene Menschenwürde! Wehe den Schändern meiner Jugend! Ucr Erziehungsanstalt bin ich entronnen; nun will ich das ganze Liebeslügcngcbäude zerschmettern mit dem fressenden Haß de» von der Kette geflohenen Sklaven!"

Entüetzt hörte ich den Worten des Fanatiker» zu.

„Sag doch einmal, lieber Kamerad, muß denn Liebe immer Lüge sein? Soll es nirgends reine, selbstlose Liebe geben? Fühltest du niemals da? Sehnen nach Menschen, denen du so vertrauen kannst wie dir selbst?" Jäh zuckte der Bursche zusammen.

„Sehnen nach Menschen? Es gibt keine grauenhafteren Stunden, als die* in denen ich alleine lag und geschüttelt wurde von Schmerz - weil ich allein, ganz allein auf dieser F.rde, ohne Heimat, ohne alles, ohne alles!"

„Bruder, so suchst Du also doch die Liebe, sehnst Dich nach ihr und glaubst an sie!?"

„Ich glaube an die Liebe, ja, ich suche sie, aber nie^ nie werde ich sie finden. Wenn ich ein Mädel sehe, packt mich Erregung! Ich möchtc zu ihren Füßen niedersinken, um meine zitternden Knie zu entlasten, möchte ihre Hände mit Küssen bedecken und ihren Leib an mich reißen in wahnsinnigem Rausch! Das war es auch, was mich dazu trieb, der Anstalt zu entfliehen und auf die. Landstraße zu gehen, che ich in die Arbeiterarmee eintrat."

*

Die Jugend in der Stadt, am festen Wohnsitz, erlebt die gleiche geschlechtliche Tragödie. Aus Dutzenden von Beispielen greife ich drei heraus:

Ein Bursche fiel mir auf durch eine Brutalitat ohnegleichen, sobald die Rede aufs Weib kam. Wenn sexuelle Dinge besprochen wurden, mistete er sich in einer Art und Weise aus, die selbst bei den Arbeitskollegen, die doch ein gut Teil derbe Sprache verstanden, Anstoß erregte. Eine tiefere Bindung gab es für den Jungen nicht. Er suchte sich ein Mädchen, befreundete sich mit ihm und trat für einige Wochen in körperliche Beziehungen. Dann verließ er es, nachdem er es mit den häßlichsten Worten „ausgeschmiert" hatte und suchte sich ein neues Lustobickt. Da er ein ^klassenbewußter* Jugendlicher sein wollte, beiragte ich ihn ob seines

unwürdigen Lebens. Seine Erklärung war ungenügend, und es blieb nichts weiter übrig, als seine Vergangenheit zu durchforschen. Er war frühzeitig Onanist geworden und kam dann in innere Konflikte, da sein Ideal die Nichtberührung des anderen Gechlechtes bis zur Ehe und die geschlechtliche Enthaltsamkeit war (er war polnischer Katholik). Bei einem Zechgelage kam er mit sechzehn Jahren auf eine eigenartige Weise mit dein Weibe in Berührung. Kr wurde betrunken und hatte in diesem Zustand Geschlechtsverkehr mit einer doppelt so alten Frau, die in den Sportkreisen, in denen er verkehrte, von den Männern allgemein als Triebobjekt wegen ihrer „Mannstollheit* benutzt wurde. Die Frau hielt den Jungen gefangen und benutzte seine junge Kraft zur eigenen Befriedigung. Sie verkehrte mit ihm in einer Art und Weise, daß der Junge in die ärgsten Scelenkonflikte gebracht wurde, die ihn aufs Krankenbett warfen. Nach seiner Gesundung ging dann langsam unter dem Einfluß der Frau eine Umwandlung vor sich. Er wurde zynisch der Frau gegenüber und übertrug die Verachtung gegen die eine Person auf das ganze Geschlecht,

Weiterhin fiel mir ein Mädchen auf durch die Scheu, über geschlechtliche Dinge zu reden. Dies ist immer ein Beweis datür, daß man mit seinem Trieb in irgendeinem Konflikt steht. Das Mädchen kam aus besseren Bürgerkreisen, in denen eine ganz bestimmte geschlechtliche „Erziehung" geübt wird. Uber geschlechtliche Dinge darf man nicht reden — auf der anderen Seite aber verlangt, der Trieb sein Recht! Eine logische Folge ist innerer Kampf, der das ganze Nervensystem schwächt und den Willen untergräbt. Das Mädel erlag jeder erotischen Suggestion und gab sich willenlos jedem' Jungen hin, der es in seinen Geschlechtsbann zog. Nach der Verbindung folgten die inneren Selbstvorwürfe, der Kampf mit den anerzogenen Moralansichten, bis ein anderer Junge es an sich zog. Da es beim Jungen aber selbstverständlich keine Auslösung fand, weil sein ganzes Triebleben aufs höchste gesteigert worden war, und da das Mädchen vor allem auch in den Zeiten des Alleinseins Onanie betrieb unter stärkster Mithilfe der Phantasie, wobei die Wirklichkeit des Geschlechtslebens weit dahinter zurück-blieb mit ihrer Nüchternheit und Kälte, wurde es krank. Ruhelos zog das Mädchen aus dem bequemen Heim der Eltern dann ins Land und wurde so ein Gegenstück zu vielen Wandervögeln, obwohl es sich von jenen dadurch unterschied, daß es die Reformgedanken der Lebensweise ablehnte und auch sonst nicht ihre Äußerlichkeiten annahm.

Ein anderes Mädel bekam Krämpfe mit stark hvsterischen Merkzeichen während eines Vortrages über geschfechtliche Dinge.

Nervös und zerstreut im gewöhnlichen Leben, scheu und verschlossen Fremden gegenüber, war es zweifellos, daß es unter bestimmten quälenden Eindrücken stand, die in das geschlechtliche Gebiet gehörten. Ihre Vergangenheit brachte Aufklärung.

Mit neun Jahren hatte sie bei einer Freundin Schulaufgaben gemacht, und beide spielten darin noch zusammen. Da der Vater des Mädchens mitspielen wollte, freute sie sieh sehr darüber, denn zu Hause fanden die Eltern sehr wenig Zeit, mit ihm zu spielen. Einsam und liebeleer war die Jugend des Mädchens. Beim Versteckspielen zog sie der Vater der Freundin hinter dem Bett auf die Knie, und sie ließ es geschehen. Sie ließ es ferner geschehen, daß er ihren Geschlechtsteil berührte, und gab sich ganz dem prickelnden Rauschzustande hin, der im Schöße seinen *\usgangspunkt hatte. Dann schämte sie sich und ging nicht wieder zur Freundin. Nach kurzer Zeit setzten Konflikte ein, sie blieb in der Schule zurück, bis sie den Weg zur Selbstbefriedigung fand. Mit achtzehn Jahren trat sie in geschlechtliche Beziehungen zu einem jungen Mann, ohne Befriedigung zu finden. Sie blieb weiter Onanistin.

*

Noch mehr solcher Tragödien anzuführen, können wir uns ersparen, da wohl kein Jugendlicher über die Klippen der Geschlechtlichkeit, die weniger durch ihre eigene Gefährlichkeit als durch ihre Verbindung mit der Umwelt verderblich werden, hinwegkommt. Wie aber kann es die Jugend verhindern, daß solche Tragödien fernerhin vorkommen? Nur dadurch, daß sie sich ihrer Geschlechtlichkeit bewußt wird und in Verbindung mit dem verstehenden Freund darüber hinauswächst!

IV. KAPITEL

ONANIE UND VORZEITIGER GESCHLECHTSVERKEHR

Es ist für den Jungen ein ereignisreicher Tag, wenn er sich das erste Mal seiner Geschlechtskraft bewußt wird. Dies tritt wohl meistens mit dem ersten nächtlichen Samenerguß ein. Er wird munter durch ungeheure Erregung des ganzen Organismus und verspürt dann plötzlich das berauschende Gefühl, welches mit dem Ausstoßen des Samens verbunden ist. Fast immer erfaßt ihn danach tiefe Niedergeschlagenheit, und sein Körper ist matt und zerschlagen. Er fühlt, daß jetzt etwas vor sich gegangen ist, über was die Gesellschaft nicht spricht! Ängstlich verschweigt er es allen Menschen, auch den Eltern, denn — leider — haben ja die Eltern so wenig das Vertrauen der Kinder, daß diese es nicht wagen, bei ihnen Aufklärung und Rat zu holen.

Beim Mädchen ist es ebenso, wenn die erste Blutung (Menstruation) eintritt. Von der Zeit ab schaut man das andere Geschlecht mit ganz anderen Augen an! Man fühlt, nun ist man vollwertig.

Lange Zeit vor der Geschlechtsreife sind aber viele junge Menschen oft schon mit der Geschlechtlichkeit in Beziehung getreten durch die sogenannte Onanie. Ich sehe dabei ab von den kindlichen Spielen, von denen ich im 3. Kapitel ein Beispiel anführte. Hier wirkt sich zwar auch etwas bestimmt geschlechtlich Betontes aus, doch kommen nur wenig Kinder auf diese Art in Berührung mit der Sexualität Onanist dagegen kann man auf die einfachste Art und Weise werden. Eine arabische Sage erzählt uns, daß Gott einst mit dem obersten der Engel den Menschen geschaffen habe. Dabei erbat sich der Engel das Anbringen der Geschlechtsteile. Gott gestattete es ihm, und nachdem der Mensch erschaffen war^ brachte der Eri^el die Geschlechtsteile am Unterleibe an. Gott betrachtete wohlgefällig sein Werk, doch als er den Engel anschaute, blickte er in ein hohnisch lächelndes Gesicht!

„Schau mein Werk an, wie es gut ist!" sagte Gott, aber der oberste der Engel lachte: „Dein Werk habe ich zerstört!" Von der Stunde an wich der Engel und wurde Satanas, der oberste der Teufel. — In dieser arabischen Sage ist eine furchtbare Wahrheit enthalten.

Ein Junge, ein Mädchen braucht nur den Körper über das Treppengeländer zu lehnen und dabei die Geschlechtsteile leise zu pressen, und die Erregung ist dal Hinter der Eichel, der Spitze des männlichen Gcschfechtsglicdes, braucht sich nur etwas Schmutz anzusammeln, und die Möglichkeit einer Erregung ist gegeben. Auf tausenderlei Arten kann der junge Mensch zum Onanisten werden, und die Verführung spielt dabei eine geringe Rolle!

Ist man aber erst einmal auf den Gedanken gekommen, daß ein bestimmter Druck die prickelnde Nervenerregung herbeiführen kann, dann verschafft man sich diese Lust immer wieder. Die Onanie bewirkt beim Jungen und Mädchen eine starke Nervenerregun& ausgehend vom Glied und von der sogenannten Klitoris, die sien über das Rückenmark verteilt und bis zum Gehirn hinauf den ganzen Organismus in eigenartiger Weise erzittern läßt

Diese willkürliche oder zufällige Lustbetätigung der Onanie finden wir schon beim Säugling und bei Kindern unter zehn Jahren.

Freilich ist die Säuglingsonanie und die der ersten Kindheit nicht mit der nach der Geschlechtsreife zu vergleichen. Mit der Geschlechtsreife treten nämlich im Organismus bestimmte lusterregen de Stoffe auf, die vordem fehlen, und die die spezifische Wollust erst ermöglichen. Die Erregungen der Säuglinge und kleinen Kinder sind ehen nur Erregungen bestimmter und eng begrenzter Nervenpartien, aber keine Erregungen des Gesamtnervensystems. Die menschliche Geschlechtsdrüse leistet verschiedene Arbeiten.

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den Geschlechtstrieb erzeugen. Nimmt man diese Drüse aus dem Körper, so erlicht der Geschlechtstrieb. Umgekehrt, nimmt man eine weibliche Drüse und setzt sie in einen männlichen Organismus, so wird das männliche Wesen weibliches Liehesempfinden äussern. Diese Feststellungen machte Prof. Eugen Steinach-Wien an Ratten und Fröschen. Es war dabei ohne Bedeutung, wo er den Hoden mit der Keimdrüse am Körper anwachsen ließ. Die Hormone übermitteln sich dem Blut, und dabei ist es gleichgültig, wo sie in dasselbe eintreten- Da nun diese Hormonbildung erst kurz vor oder mit der Geschlechtsreife eintritt, ist es ausgeschlossen, daß vordem Kinder Selbstbefriedigung im gewöhnlich gebrauchten Sinne betätigen. Es ist darum auch garnicht so gefährlich, wenn Kinder der Onanie im jugendlichen Alter verfallen sind.

Selbstverständlich soll man versuchen, wenn man bemerkt, daß Kinder onanieren, sie davon abzubringen. Hüte man sich aber dabei, sie zu bedrohen oder zu ängstigen durch Übertreiben der Folgen, man kann dadurch seelische Erkrankungen der Kinder herbeiführen. Gewöhnlich verschwindet die Kinderonanie von selber.

Auch die Onanie der Jugendlichen nach Eintritt der Geschlechtsreife ist lange nicht so gefährlich, wie sie immer dargestellt wird. Das Bürgertum hat bisher jeden verdammt der onanierte. Mit den schwärzesten Farben schilderte man die Folgen dieser Lustbefriedigung und glaubte so, abschreckend auf die Jugend wirken zu können! Welch verderblicher Irrtum! Dadurch kamen die jungen Onanisten in die stärksten Konflikte, die ihnen schließlich jede Möglichkeit nahmen, von dem übel wieder loszukommen! Sie versuchten wohl, frei zu werden, da dies aber nicht immer gleich gelingt, setzte Furcht und Angst das junge Gemüt in Verwirrung. Selbst vorwürfe und Selbstpeinigungen folgten. Sie wurden stärker und stärker, und endlich brach der Körper krank zusammen.

An und für sich ist die Onanie aber ganz ungefährlich! Sie wird nur dadurch eine große Gefahr, daß sie jederzeit betrieben werden kann, während der normale Geschlechtsakt an bestimmte Voraussetzungen, Vorhandensein des anderen Geschlechts und dessen Einwilligung, gebunden ist. Magnus Hirsclifeld berichtet beispielsweise von einem jungen Mann, der bis zu 15 mal am Tage onanierte!

Dabei freilich geht der Körper schnell zugrunde! Geschützt vor der Onanie kann wohl schwerlich ein Jugendlicher werden, da die Veranlassungen zu vielseitig ßind, es ist aber sehr gut, wenn ein Jugendlicher schnell und leicht, iiher sie hinwegkommt, denn die Gefahr besteht immer, daß er durch diese Triebbefriedigung Schaden nimmt.

Auf der andern Seite aber sehen wir die vielen Jungen und Mädchen, vor allem auch in der Jugendbewegung, die starke Merkzeichen der Hysterie an sich trafen. Die Hysterie aber ist eine gewisse Flucht vor einem Triebkonflikt in die Krankheit, llyslerion heißt Unterleib, und damit wird schon ausgedrückt, daß die Ursachen dieser Krankheit auf dem Gcschlcchtsgebieie liegen. Während des Krieges nahm die Krankheit stark zu, was man leicht versteht, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sehr das Liebesleben der Menschen damals gestört war.

Daß nun in der Jugend die Hysterie schon verbreitet ist, ist ein Beleg dafür, daß ihr Triebleben nicht in Ordnung ist. Die größte Schuld daran trägt freilich die Einbildung! Die Jugendlichen sind vielleicht vorzeitig mit der Sexualkraft in Konflikt geraten durch Onanie oder Verführung* und diese Tatsache wird für sie zum Schuldmoment. Es lastet auf ihrem Gewissen, hemmt jeden Schritt und bedrückt das junge Gemüt. In dieser Not verfällt der gequälte Geist auf die eigenartigsten Einfälle. Er kasteit den Körper durch bestimmte harte Forderungen, er peinigt sich selber.

In den Kreisen der Vegetarier findet man sehr viele Jugendliche, die sich dadurch Erlösung verschaffen wollen. Ich habe auch zu ihnen gehört und entzog mir jegliches Getränk au den heißesten Tagen des Sommers trotz schwerer Brückenbauerarbcit zur besseren Unterstützung der Fastenkuren. Der Vegetarismus und die Lebensreform schlechthin werden ja sowieso gern zur Hilfe herangezogen, wenn es gilt, den Trieb zu bekämpfen. Die Eiweißtheorie macht sich zwar ganz schön auf dem Papier aus — aber das ist auch alles. Meine Erfahrungen bestätigen mir vollkommen diese Tatsache. Behauptet man überdies, der Körper würde durch Eiweiß-überfütterung zu Abwehraktionen getrieben, die in vermehrter Samenabsonderung zu erblicken seien, so bleibt auf der anderen Seite bestehen, daß es doch dann gar nicht so gefährlich ist, wenn der Mensch diesem Abwehrtrieb Folge leistet! Oder - ist der Geschlechtsverkehr an und für sich schlecht?!! Sicherlich nicht!

Auf der andern Seite aber bleibt bestehen, daß Unterernährung ein gesteigertes Tricbleben hervorruft! Es ist dann geradezu, als ob sich alles verschworen habe, den einmal geschwächten Körper schnell ganz und gar zu vernichten. Die stark Lungenkranken stehen bekanntlich auch unter stärkerer geschlechtlicher Belastung als Gesunde!

In Vegetarierkreisen findet man auch viele, die durch ihren Kampf gegen den Trieb auf das Gebiet seelischer Erkrankungen gedrangt wurden.

Dabei bleibt freilich bestehen, daß durch das Ableben bestimmter Reize, die in Speisen und Getränken liegen, der Trieb günstig beeinflußt werden kann.

Zu diesen Genußmitteln rechnen wir vor allen Dingen den Alkohol, der eine geradezu verderbliche Rolle in der menschlichen Gesellschaft spielt und von jedem jugendlichen Arbeiter bekämpft werden müßte. Vermeiden sollte man auch alle scharfen Gewürze. Der Alkohol wirkt nicht nur stimulierend, sondern er schläfert auch den Willen der Menschen ein und bekommt dadurch eben eine solch furchtbare Note als Menschcnverdcrber.

Erlösend für die ungeheure Spannung des Trieblebens wirkt auch die Freikörperkultur. Gerade in der Jugend ist ja der Geschlechtstrieb keineswegs so stark, daß man ihm unbedingt Folge leisten müßte. Gefährlich wird er nur in der Einsamkeit, da ihm dann noch ein besonderer Anreiz in der Phantasie entsteht. Die zaubert der Seele des jungen Menschen die tollsten und berückendsten Bilder vor und bringt ihn schließlich in einen solchen Rauschzustand, daß er alles um sich vergißt und willenlos dem drängenden Trieb verfällt. Jede üppig gebaute Frau, jedes gut entwickelte Mädchen läßt ihn erzittern in ungebändigter Lust, und es ist darum ein Gebot der Not, die jungen Menschen nackend zusammenzuführen im Spiel — im Wald — auf der Wiese!

Die Augen des Buben sollen sich am schlichten Reiz der jungen Genossin entspannen, seine Phantasie soll vor der Wirklichkeit, die ja so viel nüchterner und reizloser ist, zusammensinken und schweigen! Ein reines und natürliches Verhältnis zwischen beiden Geschlechtern ist die Folge. Auf diesem Gebiet arbeitet die Jugendbewegung vorbildlich!

Die Nacktkörperkultur arbeitet aber auch im Sinne derVolksgesund-heitS Die Geschlechtskrankheiten treffen auf einen Wall! Man lernt den Genossen, die Genossin kennen und die Reinheit lieben!

Uber die Geschlechtskrankheiten können wir hier nichts sagen. Mit allen Kräften müssen wir aber gegen diese Seuchen Stellung nehmen! Schützen kann man sich nur dadurch vor Ansteckung, daß man mit keinem Menschen geschlechtliche Verbindung hat, den man nicht kennt! Die Arbeiterjugend sollte überhaupt nur mit geliebten Wesen Körperverbindung haben - das Bürgertum mag seine Prostitution, seine bezahlte „L i e b e" behalten -w i r wollen Liehe und gegenseitige Erfüllung leben! Der vorzeitige Geschlechtsverkehr, sowohl Onanie als auch normale Geschlechtsverbindung, ist immer mit üblen Begleiterscheinungen verbunden, die man nicht übertreiben darf, die man aber auch nicht verschweigen soll! Der jugendliche Organismus ist im Aufbau begriffen. Er braucht alle Kräfte und Safte, um sich fortzuentwickeln, und durch die Geschlcchtsbetätigung werden dieselben dem Körper entzogen!

Wichtige Nervenbaustoffe vor allem gehen dem Gesamtnervensystem verloren. Da aber der einzelne Jugendliche nicht für sich, sondern darüber hinaus für die Freiheit der proletarischen Klasse jeden Tropfen Kraft zum Kampf benötigt, gilt es, einen Weg zu finden, der aus dieser Not führt!

5. KAPITEL

DIE LOSUNG DER GESCHLECHTSNOT

Die Schaffenskraft des Menschen steht mit der Geschlechtskraft in bestimmtem Zusammenhang. Störungen auf dem sexuellen Gebiet ziehen Störungen im Gesamtseelenleben nach sich. In der Zeit der Geschlechtsreife und der ersten Geschlechtskraft widmen sich die jungen Menschen großen Zielen ohne kritische Berechnung.

Die jugendlichen Weltbeglücker, die begeisterten und opferbereiten Jungen und Mädchen mit ihrer schwärmerischen Hingabe kennen wir alle — vielleicht gehören wir auch noch dazu — — — !

Andererseits wissen wir von Halluzinationen, denen jene verfielen, die an einem ungeregelten Sexualleben litten. Dichter und Maler fanden ihre Berufung unter der Einwirkung geschlechtlicher Störungen. - - - All dies spricht dafür, daß unter gewissen Voraussetzungen der Geschlechtstrieb auf anderen Gebieten nutzbringend wirken kann! Die Wissenschaft spricht von einer Sublimierung. Sublimierung bedeutet, den Trieb auf höhere Gebiete abgedrängt zu haben. - Ein Versagen des Triebes kann entweder zu einem Verdrängen oder einer Sublimierung führen. Der verdrängte Trieb wird störend im Traum und in unbewußten Handlungen das I^ben des Verdrängers heimsuchen, der sublimierte Trieb bedeutet Erlösung! Nun kann freilich der Trieb nur bis zu einem gewissen Teil auf andere fruchtbare Gebiete gelenkt werden. Der verbleibende Teil wird normale Betätigung finden müssen!

Wie könnte nun die Arbeiterjugend ihren Trieb subli-micrcn? Selbstverständlich nur, indem sie ihm die Gebiete des

Klassenkampfes eröffnet. Dabei kann sie aber noch weiter gehen: sie kann iür eine Veränderung der Beziehungen der Menschen untereinander eintreten und dadurch gleichzeitig ihren SchafFenstrieb zum Auswirken bringen und sich selber die Beziehungsformen schaffen, in denen der Kampf gegen den eigenen Trieb mit Hilfe des Du, der Gemeinschaft, leichter geführt werden kann! Menschen leben heute ja neben Menschen, und ihr Geist reicht weit! Länder und Meere umspannt er, und die Sterne zog er aus dem Märchenreich in die rauhe, kalte und nüchterne Wirklichkeit. Alles Menschenwissen und alle Weisheit der Vergangenheit und Gegenwart legt man schon dem Neugeborenen in den Schoß — und weiß doch eines nicht, und schenkt dem Kinde doch eines nicht: d a s W i s s e n u m d c n M cnachen! Bis an die Sterne reicht der geniale Menschengeist - - und doch reicht er nicht aus, den Bruder zu finden! Einst ästelten und schnörkelten sich der Menschenhände Werke in die Weite, und ihr Anblick ließ des Beschauers Seele schwingen, denn Seelen hießen den Händen Wirksamkeit!

Heute entwachsen dem Boden Werke, deren Wucht in uns Staunen erweckt, die Seele aber lassen sie kalt, denn nicht die Seele zeugte sie, sondern der nüchterne Verstand!

Die Seele starb! Formgewaltige Riesenmaschincn fraßen sie!

— — Und wie im Werke unserer Hände die Seele starb, so erstarb sie im Verkehr mit dem Bruder! Etwas i*t uns verloren gegangen: Tiefe! Etwas haben wir hinzugewonnen: Krämergeist!

Die mannigfaltigen Beziehungen der Menschen untereinander müssen wir ändern, wenn wir wesenhaft sein wollen, und darein müssen wir unsere Schaffenskraft setzen als proletarische Jugend!

In vier Formen können sich die Beziehungen der Menschen auswirken:

in Gesellschaftlichkeit, in Kameradschaft in Freundschaft in Lieb e.

G E S E L I, S C II A FT LIC H K EIT

Alle Menschen im großen Verband läßt man leben, um selber auch zu leben. Düren die Widrigkeit der Umstände, aus der Erkenntnis der Fruchtbarkeit der gegenseitigen Hilfe erwächst diese Beziehungsform. Kämpfe, geführt bis zur Vernichtung, sind ihr Beiwerk, denn in diesen Kämpfen wirkt sich der Urtrieb des niederen Selbstbehauptens aus-

KAMERADSCHAFT

Zwei Menschen finden sich im gleichen Werkstreben, und ihre Hände, gelenkt durch einen geeinten Willen, der wieder durch Einheit cles Geistes, des Intellekts gezeugt ist, schaffen mit einander. Der Intellekt ist die Grundlage dieser Beziehungen. Ein gemeinsames Ziel, ein gemeinsames Ideal führt Kameraden zusammen.

Lose ist die Bindung. Mari leidet, liebt, streitet, haßt, kämpft gemeinsam, solange die intellektuelle Bindung vorhanden, geht auseinander, wenn sie geschwunden ist. Zwistigkeiten kleinerer und größerer Natur sind nicht selten, denn im Intellekt gibt es keine Starrheit. Für die inneren Kämpfe des Kameraden hat die Kameradschaft nur dann Verständnis, wenn sie in der Sphäre des gleichgerichteten Intellekts liegen. Alle Jugendbündc, Vereinigungen, Parteien und Gesellschaften, alle sogenannten „Freundschaften" der jungen Menschen basieren auf der Kameradschaft.

FREUNDSCHAFT

Uber die rein geistige Bindung hinaus kommen Menschen zur Einheit des Gefühls. Gemeinsam fühlen sie das Schöne, das Wahre, das Gute; die Seele des Bruders ist ihnen Eigentum geworden, denn sie haben seinen Wert erfühlt.

Die Nöte des anderen sind ihnen nicht fremd, denn sie fühlen seine Not und helfen sie tragen aus dem bestimmten Gefühl der Zugehörigkeit heraus. In der Freundschaft ist der Schutz vor den geschlechtlichen Gefahren zu suchen. Wer in Not und Bedrückung gerät-, findet Anlehnung am Bruder!

Durch die heilsame Mitteilung der Leiden fällt das Bewußtsein der Schuld und damit die Ursache seelischer Niedergeschlagenheit.

Die Erlösung von der geschlechtlichen Not liegt im Du!

Entwickelt sieh aus der Freundschaft die Sehnsucht nach Verbindung der Körper, so entsteht

LIEBE.

*

Arbeiterjugend! Zeige dich deiner Stärke und großen Mission bewußt! Stelle dich in die vorderste Reihe im Kampf für die Freiheit Deiner Klasse! J u n g e 1

Lasse Dich durch die Freundschaft über die Klippen Deiner Geschlechtlichkeit tragen! Sehe im Mädchen nicht irgendein Lustobjekt,

sondern die Kameradin im Kampf gegen den Kapitalismus, die verstehende Freundin im Kampf gegen den eigenen Trieb! Mädchen!

Dein Leib soll einst Gefäß des neuen Geschlechtes sein! Halte ihn rein! Tritt dem Jungen entgegen als gleichgestellte Kampfgenossin im Streite für die neue Gesellschaft und als Freundin im Leid des Alltags, und wenn ihr beide euch körperlich findet, so sei es euch ein jauchzendes, stärkendes Fest! Dann werden wir keine irrenden Seelen mehr sein, sondern Pfadfinder der neuen Heimat, die wir dem Kapitalismus entreißen müssen 1

Vorwärts in diesem Streite! Licht übers Land!

OSTERN 1926

FREMDWÖRTERVERZE1CHN1S

abstrakt — lat. eigentlich ,abgezogen', bedeutet, daß in einem bestimmten Betritt

die Merkzeichen mehrerer Anschauungen enthalten sind. Dilemma — Zustand, der zur Wahl zwischen zwei unangenehmen Dingen drangt. Erektion — lat. Aufrichtung, SchweKfahigkeitde^ mäunl. (Gliedes durch Blutandrang, extrem - lat. äußerst', einseitig übertrieben.

Halluzination - Vorspiegelung bestimmter Bilder durch die gereizte Phantasie. Hysterie - Nervenkrankheit, die als Folge des gestörten Geschlechtslebens auftritt. Imperialismus - Streben nach der Vorherrschaft auf dem Weltmarkt. Individualismus - Lehre von der Eigenpersönlichkeit. Institution - Einrichtung.

konzentriert - auf einen gemeinsamen Mittelpunkt festgelegt. Moral - von lat. mores ^Sitten", Sittenlehre.

Onanie — Selbstbefriedigung. Diese Bezeichnung ist übrigens ungenau, man sagt

lieber Ipsation und ipsieren von lat. ipne s selbst, organisch — der belebten Natur angehörig. Periode — wiederholter Zeitabschnitt.

Psychoanalyse - Psyche = Seele, Ananalvse = Zergliederung; die I^ehre. vom

Zerglieclern der seelischen Erscheinungen. Pubertät - Geschlechtsreife, real - wirklich.

sentimental - Stimmung, in der das Gefühl vorherrscht.

Sexus - lat. »Geschlecht4, sexuell « geschlechtlich.

Suggestion - Willensbeeinflussung.

systematisch - planmäßig.

stimulierend — anregend.

Schema — Muster.

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ABTEILUNG SORTIMENT

BEITRÄGE ZUM SEXUALPROBLEM

hcrauftjtc^eben von Dr. Fell* A. ThoHlutber. . ^r^pi

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Heft 1: Dr. Felix Ä. 7heil habet, Die menschliche Liebe. 2: Dr. Felix Sernau> Dos Fiasko der Monogamie. 3: Alfons Sdioene, Krieg und Sexualität 4: Dr. Bafkis. Moskau: Die Sexualrevolution in Rußland. 5: Dr. Hauflein, Prostitution und Geschlechtskrankheiten In Skandinavien* 6: Viktor Noackt Kulturschande. Die Wohnungsnot als Sexual problem. 7: Dr. Felix Ä. Theilhaber, Die Prostitution. 8: Wilhelm Schöffen Das Recht auf den eigenen Körper. 9: Dr. Heiler, Sexualität und Erotik. (In Vorbereitung.)

10: Alfons Scfioene, Nacktkörperkultur. Ein Weg zur Gesundung des Geschlechtslebens.

Iis Wilhelm Sdxöffer. Dr. Felix A. Theilhaber, Dr. Martha Raben-Wolf.Dr. Leo Klauber, Zuchthaus oder Mutterschaft.

Preis für Jedes Heft 0.40 Mark.

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Paul Albreehf, Freiheit der Liebe..................030

Dr. Ludwig Bergfeld, Seliges Verstehen. Das Erkenntnisproblem des Jung-

mfidchens. Ein offener Brief an die Frauenwelt..........0.80

Frifx Oer fer, Freie Liebe •»»•«.•»»•»«•••»•••<• Max Winkler, Das Geburtenproblem und die Verhütung der Schwangerschaft . Dr. Max Hodann: Bub und Mldel. Gespräche Aber die Geschlechterfrage . .

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